Agile IT Infrastruktur – Geht das?

Klassische IT Infrastruktur Bereiche bedienen im Kern Stabilität, Verfügbarkeit, Datensicherheit und IT Security unter permanenter Kostenkontrolle. Dies kollidiert mit den Anforderungen agiler Entwicklungsbereiche, sie benötigen permanente Innovation, automatisierte Bereitstellung von IT Infrastruktur und hohe Flexibilität.

agile it infrastruktur

Klassische IT Infrastruktur Bereiche bedienen im Kern Stabilität, Verfügbarkeit, Datensicherheit und IT Security unter permanenter Kostenkontrolle. Dies kollidiert mit den Anforderungen agiler Entwicklungsbereiche, sie benötigen permanente Innovation, automatisierte Bereitstellung von IT Infrastruktur und hohe Flexibilität. Wie kann IT Infrastruktur Bimodalität beherrschen und wie kann sichergestellt werden, dass keine teure und kaum beherrschbare Schatten IT entsteht?

Ausgangssituation

Willkommen in der bimodalen IT: Ihre Kunden sind zunehmend unzufrieden mit der trägen Lieferleistung der stabilen IT? Entwickler haben sich mit der Firmen-Kreditkarte bei AWS kurzerhand und kostengünstig Infrastructure as Code eingekauft und starten nun im Sekundentakt Docker-Container? Wissen Sie noch, welche Cloud-Services bereits genutzt werden und wo brisante Unternehmensdaten liegen? Mitarbeiter der stabilen IT sind frustriert, weil sie 100% ausgelastet sind und fachlich nicht (mehr) mitreden können?

Der Schlüssel zum Erfolg: Kulturwandel in der stabilen IT

Wie kann die stabile IT in Kontakt kommen mit agilen IT-Bereichen? Was muss verändert werden, um den Anforderungen agiler IT gerecht zu werden? Das Geheimnis einer erfolgreichen Aufholjagd ist weniger der top down erzwungene Einsatz neuer Technologie als vielmehr der Ansatz einer neuen, auf Vertrauen basierten Form der Zusammenarbeit, angepasster Mitarbeiterführung und einer neuen Vorbildfunktion der Führungskräfte inkl. Dezentralisierung von Verantwortung. Der erfolgreiche Kulturwandel ist Basis für den Mindset-Change der Mitarbeiter – innovative Technologie folgt diesem Kulturwandel, führt diesen aber nicht an.
Nachfolgend einige Key Facts für einen erfolgreichen Kulturwandel

Drehen Sie das 80:20-Prinzip um!

Wenn Sie wissen möchten, wie Ihre stabile IT tickt, versetzen Sie sich in die Lage eines Entwicklers, der stets aktuellste Infrastruktur benötigt – möglichst standardisiert und automatisiert bereitgestellt. DevOps, hier als Rolle in einem agilen Entwicklungsteam zu verstehen, verbringen mindestens 80% ihrer Zeit mit der Optimierung der IT Infrastruktur. Die tagtägliche Bereitstellung nachgefragter Infrastruktur spielt für DevOps dagegen keine nennenswerte Rolle. Entwickler bekommen Zugriff via API und fragen Infrastruktur scriptgesteuert jederzeit an. In der Regel ist die Lebensdauer der Infrastruktur kurz, im Extremfall nur wenige Sekunden.

In der stabilen IT frisst das Daily Business mindestens 80% der Arbeitszeit aufgrund komplexer Bereitstellungsprozesse. Jeder Kunde bekommt „seine“ individualisierte Infrastruktur, jeder Server ist ein Unikat. Absprachen sind aufwendig. Die Herstellung der IT Infrastruktur gleicht einer Manufaktur und der sich anschließende Betrieb inkl. Patchmanagement ist störanfällig und teuer. Zudem ist die komplizierte Bereitstellung von IT Infrastruktur Ursache für ihre schnelle Überalterung.

Die stabile IT muss also Freiräume für ihre Mitarbeiter schaffen und es muss gelingen, den Hauptanteil ihrer Arbeitszeit für Innovationen und permanente Entwicklung von IT Infrastruktur zu verwenden. „Never touch a running system“ ist keine Option mehr für Ihre stabile IT!

Kippen Sie Ihre stabile Organisation um 90 Grad

Die klassische „Plan – Build – Run“-Struktur ihrer IT führt einerseits zu stabilen Releases, andererseits sind zu lange Time2Market-Zyklen Gift für die Digitale Transformation Ihres Kerngeschäfts. Agile Entwicklungsteams liefern daher statt großer, langfristiger Major Releases in kurzen Sprints einzelne Artefakte in enger Abstimmung mit dem Product Owner und sind kurzfristig in der Lage, die Richtung der Produktentwicklung zielgerichtet anzupassen. Weil jedes Team seine eigene Deployment-Strecke hat, wird zugleich ein zentrales Bottleneck der klassischen Struktur beseitigt.

Abbildung 1 - klassische Plan-Build-Run-Struktur

Abbildung 1 – klassische Plan-Build-Run-Struktur
Abbildung 2 - autonome Produktorganisation; PO Product Owner, P Product
Abbildung 2 – autonome Produktorganisation

Bauen Sie daher Ihre stabile IT um in eine produktorientierte IT und achten Sie darauf, dass Produkte von Produktteams möglichst autonom voneinander entwickelt und betrieben werden können. Das Know-how für Produkte wie „virtuelles Datacenter“, „Monitoring“, „Database“ bringen Ihre vorhandenen Mitarbeiter ein, aber sie arbeiten zukünftig in crossfunktionalen Produktteams anstatt in klassischen Silos. Produktteams können hinsichtlich Skill temporär variieren – mobile Arbeitsplatzinfrastruktur erleichtern die schnelle Anpassung der Produktteams.

Dezentralisieren Sie technische Entscheidungen und etablieren Sie eine Fehlerkultur

Denken Sie subsidiär: Niemand außer Ihren IT-Spezialisten kann technische Entscheidungen treffen! Es mag sein, dass Budgetfreigaben, Projektstarts etc. durch Führungskräfte genehmigt werden müssen, aber diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist in einer agilen IT obsolet.
Stattdessen investieren Sie in Vertrauen: Ihre Produktteams werden mit Venture Capital ausgestattet und entscheiden selbst, für welche Innovationen das Geld verwendet wird. Das Produktteam hat engen Kundenkontakt und Interesse daran, dass eigene Produkt attraktiv zu gestalten, also werden Investitionen zwangsläufig zielgerichtet eingesetzt.

Natürlich führen ihre Produktteams auch die Preisfindung durch und können die Erlöse ihrer Produkte für weitere Innovationen nutzen – das IT-Controlling unterstützt das Produktteam bei der Kostenermittlung und informiert über die Folgen der Mittelverwendung.
Fehlentscheidungen sind unvermeidlich! Entsprechend müssen Ihre Führungskräfte eine Feedback- und Fehlerkultur etablieren: Fail fast – learn fast! Ihre Führungskräfte stehen den Produktteams als Coach zur Verfügung und steuern sanft die Zielrichtung. Damit wird auch klar: Nicht nur die Spezialisten haben eine geänderte Verantwortung – Ihre Führungskräfte müssen sich auch anpassen. Meistens ist das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

You build it you run it

Die Deployment-Schranke stabiler IT-Bereiche führt zu nie endenden Diskussionen: Entwicklungsteams berücksichtigen betriebliche Aspekte zu wenig, die Kapazität geht in die Bereitstellung vom Kunden angefragter Funktionen. Der IT-Betrieb hat nach dem Deployment teils erheblichen Mehraufwand zur Sicherstellung des stabilen Betriebs. Die Ursache dieser enormen Reibungsverluste liegt in der Trennung der Verantwortung klassisch organisierter IT-Bereiche.

Erfolgreiche agile Entwicklungsteams haben Tests und Qualitätssicherung automatisiert und deployen mehrfach täglich Produktinkremente. Es ist viel zu zeitaufwendig, die Masse der Veränderungen an den Betrieb zu übergeben. Stattdessen verantworten Entwicklungsteams den Produktbetrieb selbst. Da kein Entwickler freiwillig nachts aufsteht, um eine Störung zu bearbeiten, werden betriebliche Qualitätsansprüche eher früher als später integraler Produktbestandteil. Damit steigt die Produktstabilität automatisch.
Andererseits verliert der klassische IT-Betrieb damit einen Teil seiner Verantwortung. Dies ist bei genauer Betrachtung ein Vorteil: frei werdende Kapazitäten können zusätzlich für die Evaluation und Bereitstellung technischer Innovationen genutzt werden.

Lernen Sie von der agilen Entwicklung

Zugegeben: die agile Entwicklung ist der stabilen IT zunächst enteilt, aber Sie stecken jetzt nicht den Kopf in den Sand! Entwickeln Sie Neugier und seien Sie selbstbewusst: Was Entwickler können, können Ihre Admins auch.
Suchen Sie aktiven Kontakt zur agilen IT. Das ist ein erster Schritt, um das Vertrauensverhältnis zu verbessern. Die agilen Kollegen werden positiv überrascht sein und Ihnen helfen. Binden Sie die Führungskräfte der stabilen IT aktiv ein. Machen Sie sich vertraut mit der Vorgehensweise der agilen IT und lassen Sie sich darauf ein. Die Ideen des agilen Manifests sind – richtig angewendet – auch für die IT Infrastruktur bahnbrechend!

Um Ihre IT-Spezialisten einzubinden, bieten Sie der agilen Entwicklung Joint Ventures an: Stellen Sie Ihre IT-Spezialisten frei zur Teilnahme an agil organisierten Proof of Concepts oder anderen Projekten und stellen Sie sicher, dass die Spezialisten offen sind für neue Vorgehensweisen. Aber Vorsicht: Halten Sie Kontakt, anderenfalls wechseln die Spezialisten irgendwann dauerhaft zur agilen IT.
Sie werden erstaunt sein, welche Talente Ihre Mitarbeiter vor Ihnen verbergen und welcher Enthusiasmus entsteht, wenn Ziele selbst gesetzt und erfolgreich eingehalten werden können! Wenn bürokratische Hürden verschwinden und Sie Ihren Mitarbeiter Vertrauen entgegenbringen, werden Sie ein enormes Innovationsklima und intrinsische Motivation entfalten.

Streben Sie ein Commitment mit agilen Entwicklungsbereichen an. Bei genauer Betrachtung will niemand eine Schatten-IT aufbauen oder IT-Kosten in die Höhe treiben. Vielmehr stehen gute Produkte für die Kunden im Vordergrund, dafür braucht es eine stabile Basis-Infrastruktur, allerdings innovativ, service- und kundenorientiert, 100% automatisiert und hochgradig standardisiert.

Wie kommt der DevOps zu Ihnen?

Um die sukzessive Annäherung der stabilen IT an die agile IT zu fördern, benötigen Sie auch neue IT-Spezialisten: DevOps. Solche Spezialisten sind rar, können sich ihre Arbeitgeber aussuchen und wechseln schnell, wenn die Aufgabe nicht stimmt. Solche Menschen überzeugen Sie mit einer Melange aus innovativem, freundlichem, offenem Klima und Arbeitgeberattraktivität, die weit mehr ist als gutes Gehalt, 30 Tage Urlaub, Gleitzeit, Home Office und kostenlosen Getränken. Vielmehr benötigen Sie eine überzeugende Story: Wie lautet die Unternehmensstrategie, was soll in der IT bewegt werden, wie viel Geld steht zur Verfügung, welcher technische Gestaltungsspielraum besteht etc.

Gleichzeitig müssen Sie Ihr Recruitment anpassen: Mit Stellenanzeigen in den gängigen Portalen und monatelangen Bewerbungsverfahren werden Sie keinen Erfolg haben. Messebesuche, Mund-zu-Mund-Propaganda, Meetups, IT-Konferenzen sind bessere Alternativen, erfordern aber auch erhebliche Vorbereitungen.

Agile Entwicklung steigert die IT-Kosten

Zur Wahrheit gehört: Agile Vorgehensweisen steigern wahrscheinlich die IT-Kosten. Qualifizierte Mitarbeiter kosten Geld, Fehlerkultur führt zur einen oder anderen Fehlinvestition. Gestiegene Qualität, kürzere Lifecycles und permanente Innovation sind nicht kostenlos zu haben.
Steigenden IT-Kosten stehen Einsparungen gegenüber: Digitale Transformation spart Personal und Kosten an anderer Stelle. Unternehmen erhöhen ihre Attraktivität für ihre Kunden und steigern Umsätze und Gewinn. Vielfach sind Unternehmen schlicht gezwungen, innovativer zu sein, anderenfalls verdrängt das mit viel Kapital ausgestattete disruptive Startup etablierte Platzhirsche in kurzer Zeit vom Markt.

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