Wer vertrauen schenkt, gewinnt!

Wir alle werden permanent mit Situationen konfrontiert, die wir nicht vollständig kontrollieren können. Entscheiden müssen wir trotzdem. Dabei hilft Vertrauen, sei es in Personen, in Situationen oder in die eigene Urteilskraft

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„Vertrauen ist der intelligente Umgang mit der Unfähigkeit, zu kontrollieren“. Als ich kürzlich Martin Beims, einem entschiedenen Verfechter von Führung durch Vertrauen und Verantwortung (Interview zum Thema), mit diesem Satz konfrontierte sollte es eigentlich ein witziger Seitenhieb auf seine Abneigung gegen Kontrolle aller Art sein. In dem folgenden Gespräch entwickelte sich jedoch eine interessante Diskussion, denn statt sich zu rechtfertigen erwiderte er: „Ja da hast du recht, es ist nun einmal so, dass wir ständig mit Situationen konfrontiert werden, die wir nicht vollständig kontrollieren können. Entscheiden müssen wir trotzdem. Dabei hilft Vertrauen, sei es in Personen, in Situationen oder in die eigene Urteilskraft“.

Vertrauen hilft bei Entscheidungen

Bevor wir nun sofort die Frage stellen, was denn passiere, wenn das Vertrauen missbraucht würde, lassen Sie uns den Gedanken etwas weiterverfolgen. Betrachten wir den Satz einmal aus einer anderen Perspektive. Die Situationen, in denen wir entscheiden müssen, ohne Kontrolle ausüben zu können, existieren unzweifelhaft. Die Option, Sicherheit durch Kontrolle zu erhalten, haben wir in diesen Situationen schlicht und einfach nicht. Es bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder wir entscheiden gar nicht oder wir suchen uns einen Ersatz für die komplette Kontrolle. Lassen Sie uns die Situation an einem Beispiel betrachten:

Für ein unternehmenskritisches Projekt suchen Sie einen erfahrenen externen Projektleiter, um auf „Nummer sicher zu gehen“. Drei Kandidaten kommen in die engere Auswahl und stellen jeweils inhaltlich sehr gut wirkende Konzepte vor. Für welchen Kandidaten entscheiden Sie sich? Können Sie die Entscheidung vollständig an kontrollierbaren Fakten festmachen? Wohl kaum, denn an dieser Stelle können sie lediglich „kontrollieren“, ob Ihnen das vorgestellte Konzept zur Umsetzung erfolgsversprechend scheint. Mehr nicht. Zu diesem Zeitpunkt bewerten Sie lediglich die Fähigkeit zur Konzepterstellung, die zu einem großen Teil auf theoretischem Wissen beruhen kann. Ob der Kandidat tatsächlich in der Lage ist, das Konzept in Ihrem Unternehmen umzusetzen, wissen Sie nicht. Sie haben also nicht die Möglichkeit, eine komplett faktenbasierte Entscheidung zu treffen. Wenn Sie sich hier nicht entschließen, mindestens einem der Kandidaten so viel Vertrauen entgegen zu bringen, ihm die erfolgreiche Umsetzung zuzutrauen, können Sie keine Entscheidung treffen. Das kennen Sie? Das ist doch einfach Bauchgefühl, oder? Genau! Und was ist das denn anderes als ein Vertrauensvorschuss für den Kandidaten Ihrer Wahl?

Dieses Prinzip erleben wir nicht nur in Bezug auf Personalentscheidungen, sondern auch im Rahmen von Vertragsabschlüssen. Je nach Art und Umfang eines Vertrages, kann es vorkommen, dass der Zeichnungsbefugte, die Inhalte des Vertrages nicht vollständig überblicken und bewerten kann. Vor diesem Hintergrund werden Verträge meist in Verbindung mit Vertrauen in das Fachwissen der eigenen Mitarbeiter oder dem Vertragspartner gegenüber unterzeichnet. Im Bereich der Endverbraucher ist gerade bei Kredit- oder Versicherungsverträgen, das Vertrauen in den jeweiligen Makler Vertragsgrundlage.

Der Grund für diese Gemengelage ist, dass man in der Praxis nur von Menschen lernen kann, die man nicht vollständig beurteilen und schon gar nicht kontrollieren kann. Denn um sicher zu wissen, dass die Aussagen des Gegenübers richtig sind, müsste man über das zu erlangende Wissen schon vorher verfügen. Dieses Dilemma lässt sich nur auflösen, indem man „es darauf ankommen lässt“ – also seinem Gegenüber Vertrauen schenkt.

Informationsflut als Herausforderung

Was aber ist, wenn Vertrauen missbraucht wird oder wenn die Menge der unkontrollierbaren Situationen überhandnimmt. Die hohe Vernetzungsdichte und Verbreitungsgeschwindigkeit von Informationen über das Internet in sozialen Netzwerken überfordert uns. Der Wahrheitsgehalt vieler hier verbreiteter Informationen ist vom Leser bei weitem nicht in jedem Fall ausreichend überprüfbar. Hier blind jeder Quelle zu vertrauen ist sicher keine ausreichende Lösung. Auch ich habe hier keine Patentlösung, denn genau dieses Problem ist eine der großen Aufgaben der fortschreitenden Digitalisierung im Rahmen der vierten industriellen Revolution. Wir werden sie in Angriff nehmen müssen.

Ob und wann wir für diese Herausforderung eine Lösung finden werden, ist heute nicht absehbar. Bis dahin müssen wir lernen mit fehlender Kontrolle umzugehen, ohne wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren. Hier kann Vertrauen in Informationsquellen oder Menschen ein wichtiger Faktor sein. Des unbestreitbaren Risikos müssen wir uns dabei jederzeit bewusst sein, um entscheiden zu können, dieses einzugehen oder nicht. Denn Vertrauen heißt nicht „blindes“ Vertrauen. Gesundes Vertrauen allerdings bleibt in vielen Fällen der intelligente Umgang mit der Unfähigkeit zu kontrollieren.

von Nico Kroker

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