Digitalisierung im Gesundheitswesen

Gesundheits­dienstleistungen stehen geradezu beispielhaft für die Hoffnungen und Befürchtungen, die mit der Automatisierung von Dienstleistungen einhergehen. Das Problem ist nicht die Digitalisierung sondern deren Verhinderung

Gesundheitswesen - Das Problem ist nicht die Digitalisierung sondern deren Verhinderung

Gesundheitswesen – Das Problem ist nicht die Digitalisierung sondern deren Verhinderung

Gesundheits­dienstleistungen stehen geradezu beispielhaft für die Hoffnungen und Befürchtungen, die mit der Automatisierung von Dienstleistungen einhergehen. So bestehen enorme Erwartungen zur Verbesserung der Gesundheits­versorgung, gerade auch im ländlichen Raum. Es geht um die Verbesserung der Lebenssituation von Alten und Behinderten und um mündige Patienten. Es geht aber gleichzeitig auch um technische Innovationen und um die Effizienzsteigerung unseres Gesundheits­systems. Diese Hoffnungen treffen auf große Bedenken in den Bereichen Datenschutz und Aufkündigung der Solidar­gemeinschaft. Hinzu kommt noch die Angst, dass menschliche Betreuung durch seelenlose Automaten ersetzt werden könnte. Wer schon immer die sogenannte Apparatemedizin ablehnte, wird wenig begeistert auf Pflegeroboter reagieren.

Der Gesundheitssektor steht vor enormen Herausforderungen

So haben wir es mit einer sich stetig erhöhenden Nachfrage zu tun, da immer mehr ältere und chronisch kranke Patienten zu versorgen sind. Dies führt langfristig zu erheblichen Finanzierungsproblemen. Denn die Bereitschaft des kleiner werdenden arbeitenden Anteils der Bevölkerung, weiter wachsende Gesundheitskosten zu schultern, hat vermutlich Grenzen.  Verschärft wird die Situation noch durch einen anderen Aspekt der demografischen Entwicklung. Diese führt dazu, dass im Wettbewerb um Arbeitskräfte für Gesundheitsdienstleitungen (Schwestern, Pfleger, Physiotherapeuten etc.)  mit der derzeit in weiten Bereichen eher kümmerlichen Lohnstruktur nicht viel zu gewinnen sein wird. Um in Zukunft eine adäquate Bezahlung zu ermöglichen, müssen Effizienzgewinne erzielt werden. Selbst wenn dies gelingen sollte, werden mittel- bis langfristig Arbeitskräfte fehlen.

Ohne Automatisierung wird es nicht gehen

Wenn die Beschränkung der finanziellen Mittel und des Angebots an Arbeitskräften nicht zu einer Einschränkung der Gesundheitsversorgung führen soll, müssen neue Wege gegangen werden. Diese werden nur im Rahmen einer sinnvollen Automatisierung zu finden sein. Sie entlastet die Mitarbeiter dort, wo es nicht wichtig ist, dass diese Tätigkeit durch einen Menschen ausgeführt wird. Dies gilt zum Beispiel für einige personalintensive aber trotzdem standardisierte Dienstleistungen, wie sie im Alten- und Krankenpflegebereich häufig vorkommen. Hier können Lösungen mit Hilfe von Sensorik oder Robotik erzielt werden. Sensoren übernehmen Aufgaben in der Überwachung, elektromechanische Antriebe (Aktoren) helfen den Alten oder Kranken ihre Umgebung an ihre Bedürfnisse anzupassen. Pflegeroboter übernehmen für die Pflegekräfte körperlich anstrengende Tätigkeiten, wie das Heben von Patienten. Das geht bis zu „Kuschelrobotern“, die bei dementen Patienten statt echter Tiere eingesetzt werden. Auch die besonders unbeliebte Dokumentation lässt sich zumindest teilweise automatisieren.

Überwachung bietet die Chance auf eine Betreuung zu Hause

Eine andere Möglichkeit Personal und Geld einzusparen, ist Kranke und alte Menschen zu Hause zu betreuen. So können durch Telemedizin und Telemonitoring Patienten früher aus dem Krankenhaus entlassen werden und chronisch kranke Patienten besser und billiger zu Hause betreut werden. Auch ältere Menschen wollen solange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben. Dafür bietet das Konzept des Ambient Assisted Living (AAL) die Möglichkeit  länger und weitgehend selbstbestimmt in der eigenen häuslichen Umgebung zu leben, statt in Alters- oder Pflegeheime zu gehen. Ermöglicht wird dies durch technische Systeme, die eine umfassende Überwachung und automatische Unterstützung ermöglichen. Um in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können, akzeptieren viele ältere Menschen eine weitgehend automatisierte Altenpflege statt einer Betreuung durch menschliches Pflegepersonal. Das bedingt die Inkaufnahme größtmöglicher digitaler Transparenz.

Vernetzung ist die Grundlage für Effizienz- und Qualitätsverbesserungen

Faktisch alle Anbieter des Gesundheitswesens vom Arzt bis zur Krankenkasse setzen Informationssysteme ein. Diese sind aber weitgehend digitale Insellösungen, eine Vernetzung findet kaum statt. Dabei würde eine weitgehende Vernetzung massive Effizienzverbesserungen mit sich bringen. Laut einer Studie (2012) von Fraunhofer ISI könnte alleine durch eine integrierte Digitalisierung von Daten und Prozessen Einsparungen in Höhe von fast 10 Milliarden Euro pro Jahr erreicht werden. Und die gezielte Auswertung von Gesundheitsdaten würde einen völlig neuen Blick auf Krankheiten und auf deren Behandlung ermöglichen. Außerdem hätten die Daten zusätzlich erhebliche Bedeutung für das – derzeit sicher nicht immer zufrieden­stellende – Qualitätsmanagement in der Branche.

Vernetzung und Automatisierung haben nicht unerhebliche Nebenwirkungen

Zu einer intelligenten Nutzung der sensiblen Daten im Gesundheitswesen gehört es allerdings, die ebenfalls erheblichen Gefahren des Missbrauchs zu bedenken. Ein gerade in Deutschland sehr bedeutendes Hindernis liegt in der weitverbreiteten Skepsis gegenüber  einer zentralen Speicherung der Patientendaten oder auch nur eines vernetzten Zugriffs auf sie. Melanie Mühl (FAZ) bringt die dahinter stehende Furcht auf den Punkt: „Es wäre naiv zu glauben, dass persönliche Daten, die einem heute unwichtig erscheinen, niemals gegen einen verwendet werden könnten. In den USA gibt es Menschen, die Angst haben, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, weil sie wissen, dass ihre Daten nicht sicher sind.“ Die Befürchtung, dass Versicherer, Kreditgeber oder (potentielle) Arbeitgeber Zugriff auf Gesundheitsdaten bekommen könnten, gibt es durchaus auch bei uns in Deutschland. Die Gefahr des Missbrauchs ist allerdings bedingt durch das Datenschutzrecht hier deutlich kleiner.

Wie weit man bei der Automatisierung gehen darf, muss sich ebenfalls noch zeigen. Versuche im technikbegeisterten Japan haben gezeigt, dass selbst dort die Senioren statt elektronisch gesteuerter Rund-um-die-Uhr-Betreuung menschliche Zuwendung verlangen. Auch darf nicht vergessen werden, dass überall dort, wo Sensoren und Roboter menschliche Tätigkeiten ersetzen, zumindest eine Chance auf menschliche Ansprache – zum Beispiel ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch nebenher – verpasst wird.

Auch das Ambient Assisted Living sehen Experten der Altenpflege übrigens skeptisch. Durch den späteren oder sogar ganz unterlassenen Umzug in eine Altenpflegeeinrichtung, werden die möglichen Erfolge einer aktivierenden Altenpflege und menschlicher Ansprache verpasst. Falls das soziale Umfeld (Familie, Nachbarn, Freunde) nicht diese Aufgaben übernimmt, ist Einsamkeit und fehlende Aktivierung ein hoher Preis für das Verbleiben in der vertrauten Umgebung.

Nicht die Digitalisierung sondern die Diskussion ist das Problem

Die Probleme unseres Gesundheitssystems sind vielfältig. Wichtige und unverzichtbare Lösungen dafür liegen in der Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung. Sie haben allerdings nicht unerhebliche Nebenwirkungen in den Bereichen Datenschutz, Aufkündigung der Solidargemeinschaft und der Ablösung menschlicher Betreuung durch Automaten. Diese sind ernst zu nehmen. Immer wieder gilt es sorgsam abzuwägen, ob die Nebenwirkungen in Kauf genommen werden oder wie sie gemindert werden können.

Genauso ernst zu nehmen ist, dass eine umfassende Digitalisierung Besitzstände vieler wichtiger Akteure im Gesundheitswesen bedroht. Allerdings ist nicht hinnehmbar, wenn die angesprochen Nebenwirkungen instrumentalisiert werden, um diese Besitzstände zu wahren. Gerade der Datenschutz wird hier immer wieder missbraucht, wie man an der unseligen Entwicklung um die elektronische Gesundheitskarte sehen kann. Dabei dürfte der Datenschutz keine höhere Priorität als die Interessen der Patienten haben. In Deutschland sterben Menschen, weil der Überblick fehlt, ob alles zusammenpasst, was Allgemeinarzt, Facharzt und dann vielleicht noch die Apotheke einem alten Menschen geben. Guido Bohsem hat seinem Kommentar in der SZ zu recht überschrieben: “Überleben ist wichtiger als Datenschutz“.

Die notwendige Digitalisierung wird ein langer harter Kampf mit großen Hindernissen, Irrwegen und Übertreibungen. Wenn wir die Qualität unseres Gesundheitswesens halten oder gar verbessern wollen, müssen wir uns ihm trotzdem stellen.

von Prof. Dr. Eberhard Schott

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