Fünf Konsequenzen der Digitalisierung

Digitalisierung hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche. Wir betrachten fünf Schlagworte zum Thema und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft

Industrie 4.0 und Digitalisierung

Wenn Sie heute zehn Manager fragen, was eigentlich Digitalisierung bedeutet, erhalten Sie zehn verschiedene Antworten. Je nachdem wie relevant der befragte das Thema für das eigene Umfeld erachtet. Ähnliches gilt für Industrie 4.0, Big Data und viele weitere dieser Begriffe.

Was ist der Grund dafür? Werden die inzwischen unübersehbaren Entwicklungen vor allem im Mittelstand bewusst ignoriert? Sind es Ängste, das eigene Geschäftsmodell hinterfragen und etwas verändern zu müssen? Wie neu ist sind die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 eigentlich wirklich? Welche Herausforderungen stecken für uns alle dahinter? Zumindest einige der häufiger genannten Schlagwörter sollten wir uns genauer ansehen.

Digitalisierung

Seit den frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts schreitet die Digitalisierung unaufhaltsam voran. Wir digitalisieren einfach alles. Es begann mit dem Austausch von Nachrichten. Aus dem Brief wurde die E-Mail. Wir haben seitdem so vieles digitalisiert, dass es uns kaum noch auffällt: Wir hören digitale Musik vom MP3-Player oder über digitales Radio, wir sehen hochauflösend fern und lassen uns von digitalen Karten leiten. Sogar die soziale Interaktion haben wir digitalisiert. Kaum ein Bereich in unserem Umfeld bleibt von der Digitalisierung unberührt. Inzwischen basieren komplette Geschäftsmodelle und ganze Konzerne ausschließlich auf digitalen Produkten und Leistungen. Wir schaffen uns ein digitales Abbild der Welt. Digitalisierung bedeutet genau dies.

Für Unternehmen bedeutet das neue, oft viel direktere Geschäftsmodelle. Informationen werden zum zentralen Produktionsfaktor und sind inzwischen oft bedeutender für den Geschäftserfolg als klassische Anlagegüter. Innovation wird zum zentralen Erfolgsfaktor. Die Besitzer der Informationen werden zum Großgrundbesitzer der modernen Geschäftswelt.

Das Internet der Dinge

Bisher waren es eher die Interaktionen mit dem Menschen, die Gegenstand der Digitalisierung waren. Inzwischen rücken die Dinge in den Vordergrund. Viele Geräte, ob Mobiltelefone oder Heizungsthermostate stellen eigene Informationen bereit. Sowohl Informationen zu Ihrer Identität und ihren Eigenschaften, als auch Informationen zu Ihrer Umgebung, z.B. Messwerte von Sensoren. Diese Informationen der Objekte und Geräte können über das globale Datennetzwerk abgerufen und beeinflusst werden. Diese Vernetzung von Objekten und Geräten ist das Internet der Dinge (engl. Internet of Things – IoT).

Das Internet der Dinge stellt eine Verbindung zwischen realer und virtueller Welt her. Informationen werden durch viele verteilte Dinge bereitgestellt. Deshalb sind Dienste erforderlich, die diese Informationen einsammeln, auswerten und zur Nutzung bereitstellen (Sensoren). Ebenfalls werden Dienste benötigt, die nach der Informationsverarbeitung Handlungsanweisungen an die Dinge zurückgeben (Aktoren). Erst im Zusammenspiel der Dinge im Internet der Dinge mit den Diensten im Internet der Dienste werden völlig neue Wirtschaftsräume erschlossen.

Industrie 4.0

Die Industrie nutzt die Vernetzung der Dinge und Geräte bereits in vielen Bereichen. Industrie 4.0 ist ein Teilkomplex des Internet der Dinge. Komponenten und Produkte kennen ihre Eigenschaften, Ihre nächste Station in der logistischen Kette und den Kunden für den Sie produziert werden. Maschinen lesen die Informationen an Werkstücken um die exakten Arbeitsabläufe darauf abzustimmen. Anschließend geben sie Information an das Werkstück zurück. Ein manueller Eingriff ist in dieser Welt nur noch selten nötig. Die Kommunikation erfolgt im Endeffekt von Maschine zu Maschine. Das ermöglicht zum Beispiel die automatisierte Fertigung deutlich kleiner Mindeststückzahlen. Mittelfristiges Ziel in vielen Unternehmen ist heute oft schon eine Mindeststückzahl von eins. Die Folgen liegen auf der Hand:

1. Ethik

Bisher haben wir vor allem Informationen aus Interaktionen mit Menschen digitalisiert, die wiederum dem Menschen nutzen sollen. Je vollständiger unser digitales Abbild der Welt wird, desto weniger Interaktion mit dem Menschen ist nötig. Die Auswahl aus mehreren Optionen, sogenannte Mikroentscheidungen treffen Computer schon heute meist besser als Menschen. Denken Sie nur an selbstfahrende Autos. Wie lange wird es dauern, bis Computer in der Lage sind, komplexe, zukunftsoffene Entscheidungen für uns zu treffen? Was heißt das für uns? Wie viele und welche Entscheidungen wollen wir uns abnehmen lassen?

2. Sicherheit

Immer mehr Daten zu Personen, Orten, Objekten und Produkten sind digital verfügbar. Informationen mit einem großen Wert; schutzbedürftige, schützenswerte Informationen. Dabei ist Digitalisierung nicht lokal beschränkt, sondern erfolgt in der globalen digitalen Welt des Internets. Die Persönlichkeitsrechte und Freiheiten, die wir als die Eckpfeiler der westlichen Zivilisation betrachten, werden durch Überwachung, digitale Manipulationen und neue Arten von Kriminalität bedroht.

3. Datenqualität

Was nutzt uns die umfangreiche digitale Abbildung der Welt wenn sie Mängel oder Lücken hat? Vollständige und richtige Daten spielen eine immer größere Rolle. Je stärker Geschäftsprozesse digitalisiert werden, desto größer der potentielle Schaden durch fehlerhafte Daten.

4. Standards

Je mehr Komponenten in die Kommunikation eingebunden werden, desto wichtiger werden einheitliche Regeln für Identifizierung und Kommunikation. Für die Anbieter digitaler Dienste ist dies genauso essentiell, wie für die Informationskunden. Standardisierung ist auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Der Erfolg der digitalen Transformation wird auch von der Verfügbarkeit standardisierter, bezahlbarer Sensoren und Aktoren abhängen.

5. Datenmenge

In den letzten Jahrzehnten ist die Datenmenge, die wir in der digitalen Welt angehäuft haben geradezu explodiert. Die aktuellen Speichermöglichkeiten halten mit dieser Entwicklung noch Schritt. Die Herausforderung besteht darin, diese Daten durch entsprechende Datenbanktechnologien und Analysewerkzeuge auszuwerten und zu wertvollen Informationen zu verbinden.

Die Menschen im Fokus

Der Mensch scheint in dieser digitalisierten Welt nur noch eine Nebenrolle zu spielen, doch der Eindruck täuscht. Zum einen ist diese Entwicklung kein Selbstzweck, sondern dient der Realisierung von Nutzen für Kunden, zum anderen müssen die Infrastrukturen für die Digitalisierung erstellt, erhalten und weiterentwickelt werden.

Industrie 4.0 schürt – wie historische Evolutionsschritte der wirtschaftlichen Entwicklung zu ihrer Zeit auch – Ängste. Zum Beispiel bezüglich der Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Schon länger kursieren Berechnungen in den Medien, wie viele Arbeitsplätze wohl durch die Digitalisierung verloren gehen. Auch heute werden, wie in der Vergangenheit wieder Menschen direkt betroffen sein. Ihre bisherige Tätigkeit wird einfach nicht mehr gefragt sein. Ein historisches Beispiel dafür sind die die Weber nach der Erfindung der „Spinning Jenny“.

Es werden sich jedoch völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Bisher unerschwingliche Güter oder Dienstleistungen werden für eine breitere Masse verfügbar und es entstehen völlig neue Märkte. Diese neuen Märkte lassen natürlich auch neue Betätigungsfelder entstehen. Allein in Deutschland sind heute laut Verband der Internet-Wirtschaft ca. 300.00 Menschen direkt in der Internet-Branche beschäftigt – einer Branche, die vor zwei Jahrzehnten noch nicht nennenswert existent war. Und die Zahl der Beschäftigten in der Digitalisierung wird weiter wachsen. Würde man die indirekt entstehenden Arbeitsplätze wie zum Beispiel bei Logistik-Unternehmen hinzurechnen, wäre die Entwicklung weit deutlicher.

Digitalisierung bietet neue Chancen

In Zukunft werden ganz andere Kenntnisse und Fertigkeiten nötig sein als heute. Digitalisierung ist also nicht nur eine Herausforderung für die Technologiebranche, sondern für die gesamte Gesellschaft. Besonders gefordert wird unser Bildungssystem sein, denn die zukünftig benötigten neuen Kenntnisse und Fertigkeiten werden unzweifelhaft Einfluss auf den Bildungskanon haben müssen. Die Herausforderung ist, dass im eher schwerfälligen, föderalistischen System nun Geschwindigkeit gefragt ist, um die neue Generation auf die Herausforderungen einer digitalen Welt gut vorzubereiten. Oder noch besser: Ihnen Vertrauen schenken und beste Bedingungen schaffen, damit sie sich selbst bestmöglich vorbereiten können. Statt einfach Wissen anzusammeln, wie bisher, wird es vermehrt darauf ankommen, Zusammenhänge zu erkennen und Relevantes von Irrelevantem in stetig wachsenden Datenbergen zu unterscheiden.

Es besteht kein Grund, ängstlich zu werden, jedoch werden wir uns neuen Herausforderungen, technisch, gesellschaftlich und menschlich stellen müssen, um den nächsten Schritt der Industrialisierung erfolgreich zu gehen. Den IT Organisationen und damit dem CIO wird dabei eine zentrale Rolle – nicht nur technisch – zukommen.

Von Dr. Roland Fleischer und Martin Beims

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